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Gedanken zum Vorlesen von Viktor Frankl (Thoughts to Reading Viktor Frankl)

(Please scroll down for the English version)

Vor ein paar Jahren habe ich bei der Recherche nach Therapiemethoden Viktor Frankl entdeckt. Sein Werk steht in einer Reihe mit Jung, Adler und Freud, doch hat mich seine Erzählung am meisten berührt. Wem könnte ich besser die These abnehmen, daß das wirklich zugrundeliegende Thema im Leben eines Menschen die Suche nach dem Sinn sei, als einem Mann, der das KZ überlebt, dort aber seine Familie verloren hat und dennoch danach noch Jahrzehnte als Therapeut hilfreich tätig gewesen ist?

Eine Chat-Region bei Second Life hat mir einen Teil ihres Platzes kostenlos für Projekte zur Verfügung gestellt. Daher überlegte ich, wie ich sie noch unterstützen könnte. Ich entschied mich für eine Vorlesereihe von Texten über besondere Therapeuten, natürlich mit Dr. Frankl an erster Stelle.

Letzten Mittwochabend fand der zweite Teil dieser Reihe statt.
Es ist zur Hälfte eine Autobiografie, entsprechend schwer ist auch der Inhalt…

Nachdem es am ersten Abend noch über die beiden Vorworte und den Anfang von Frankls Erzählungen gegangen war, brachte uns der Text vorgestern schon sehr ans “Eingemachte”.

Frankl beschreibt seine Ankunft im KZ Auschwitz, die erste Selektion, den ersten Tag, die erste Nacht.

Immer wieder bezieht er sich auf die psychologische Beobachtung, doch ist deutlich, wie frisch das Erlebte ist. Er wechselt von der Ich-Erzählung ins psychologische Erklären, zurück und in eine entfernte Beschreibung. Es wird immer klarer, dass “der Gefangene” jeder ist und gleichzeitig kein Anderer als er selbst.

Die Gefühle sind nahe beschrieben, ebenso wie schließlich die Abwesenheit davon, und mit jeder fachlichen Erklärung holt er den Leser barmherzig aus dem Miterleben heraus.

Aber bei allen beschrieben Schrecken kommen doch immer wieder bestimmte Fragen auf. Genauso vorgestern: Wozu ist ein Mensch fähig, zu welchen Greueltaten, zu welchen Heldentaten?

Frankl bleibt in seinem Buch und seinen späteren Reden bemerkenswert unverstellt in der Beobachtung. Er benennt keine Gruppe von “Schuldigen” oder “Guten”.

Wir haben uns gestern gefragt, wie wir uns verhalten hätten. Hätten wir solche Umstände, solche Erlebnisse überleben können? Wären wir, wie einige damals, “in den Zaun gerannt”, sprich hätten Selbstmord durch das Berühren des Elektrozauns endlosen Qualen vorgezogen? Hätten wir es geschafft, irgendwie immer wieder den Eindruck von Arbeitstauglichkeit zu erwecken, um der Selektion zu entgehen? Hätten wir den Mund aufgemacht?Oder im Verborgen Widerstand geleistet? Hätten wir vielleicht alles getan, um nicht auf “der Liste” zu stehen? Und Barackenkameraden verraten, den Freund vorgeschoben, um das eigene Leben irgendwie zu erhalten?

Frankls Beschreibung zeigt alle Untiefen, zu denen Menschen fähig sind, im Guten wie im Schlechten.

Liedermacher Konstantin Wecker beschrieb das Dilemma in “Fast ein Held”:

“Hätt´ ich zu meines Vaters Zeit
dasselbe Lied geschrieben?
Manchmal beschleicht mich das Gefühl,
ich wär´ sehr stumm geblieben.”

Ich kann es ihm nicht verdenken. Ich weiß, welche Gedanken und Reaktionen die Beschreibungen in mir auslösen. Wie mein Impuls zu handeln wäre. Aber das alles geschieht in der sicheren, warmen Umgebung meiner Wohnung. Wie ich, wie man wirklich reagieren würde, dafür gibt es wohl nur eine Möglichkeit, es heraus zu finden. Ich wünsche niemanden, diese Möglichkeit zu bekommen.

Viktor Frankl beschreibt beide Seiten des Menschseins, “Er ist das Wesen, das immer entscheidet, was es ist. Er ist das Wesen, das die Gaskammern erfunden hat; aber zugleich ist er auch das Wesen, das in die Gaskammern gegangen ist aufrecht und ein Gebet auf den Lippen.”

Niemand ist immer Herr über seine Umstände. Aber es ist seine Entscheidung, wie er sich dazu positioniert und welchen Sinn er seinem Leben gibt.

Letztlich gibt Frankl selbst die Antwort: “Trotzdem Ja zum Leben sagen.”


A few years ago, while researching therapy methods, I discovered Viktor Frankl. His work ranks with that of Jung, Adler and Freud, but his tale was the one that touched me the most. Whom could I believe more the thesis that the topic really at the base of each human’s life is the search for meaning, than a man who survived concentration camps, lost his family there and still worked as a helpful therapist for decades afterwards?

 

A chat region in Second Life gave a part of their space to my disposal for my projects. So I pondered how else I could support them. I chose a reading series of texts about special therapists, with Dr. Frank of course the first in line.

The second part of this series took place last Wednesday evening.

Half of it is an autobiography, thus the text is quite heavy as well.
 

After the first evening had mostly been filled with the forewords and the beginning of Frankl’s narration, the text two days ago was well on the way to the core.

 

Frankl describes his arrival at the concentration camp of Auschwitz, the first selection, the first day, the first night.

Again and again he refers to psychological observation, but it remains obvious how fresh the experiences ring. He switches from first person writing to psychological explanation, back, and to a detached description. It becomes ever clearer that “the prisoner” is everyone and at the same time no.other than he himself.

The emotions are described very close, as is the absence of them, and with each professional explanation he mercifully takes the reader away from the witnessing position.

But despite all described horror certain questions arise. Again yesterday: What is a man capable of, what atrocities, what heroism?

 

In his book and later speeches, Frankl’s observations remain remarkably free of bias. He neither calls a group “guilty” nor “good”.

 

Yesterday, we asked ourselves what had we done? Would we have survived such circumstances, such experiences? Would we – like some back then – have “run into the fence”, that is rather committ suicide by touching the electrical fence than exist through endless suffering? Would we have been able to fake fitness for work in order to evade selection? Would we have spoken our mind? Or resisted in the shadows? Would we maybe have done everything to not be „on the list“? And betrayed comrades of the barracks or even friends to have our own lives somehow preserved?

Frankl describes all that man is capable of, for good and for bad.

The singer-songwriter Konstantin Wecker describes the dilemma in “Fast ein Held” (Almost a hero)

“Hätt´ ich zu meines Vaters Zeit
dasselbe Lied geschrieben?
Manchmal beschleicht mich das Gefühl,
ich wär´ sehr stumm geblieben.”

(Would I have written the same song
In my father’s times?
Sometimes the feeling creeps up to me
I would have remained very silent.)

 

I can’t blame him. I know which thoughts and reactions those descriptions spark in me. What my impulse to act tells me. But all of that happens in the secure and warm surroundings of my flat. There is only one way to find out how I, how anyone would really react. I wish that opportunity to no-one.

Viktor Frankl describes both sides of being human. “He is the being who invented the gas chambers, but at the same time he is the being who entered those gas chambers upright and with a prayer on his lips.”

Nobody is at all times the master of his circumstances. But it is his decision which position he takes and which meaning he gives to his life.

In the end, Frankl himself provides the answer: “Trotzdem Ja zum Leben sagen.” (In spite of all saying yes to life.)

 

Published inAnders-GefühltSchreibwut

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