R. erzählt: Ich habe doch Zeit

Szenario 1: Ich sitze zuhause und starre vor mich hin. Zum Aufräumen habe ich keine Lust. Um einen Job sollte ich mich auch mal kümmern. Aber morgen geht auch noch. Auf der Couch ist es gerade viel zu bequem und notfalls schalte ich den Fernseher ein, wenn ich Abwechslung will. Dass ich damit Anderen oder dem Staat auf der Tasche liege, naja. Ist halt mein Lebensstil. Andere verstehen mich nur nicht.

 

Szenario 2: Ich sitze zuhause und surfe durchs Netz, wenn ich nicht gerade vor mich hinstarre. Ich mache nur, worauf ich Lust habe und mir kommen zwar so einige Ideen, aber so recht will ich eigentlich nicht und bleibe beim Gedanken machen. Mir ist nicht klar, wieviel Sorgen ich meiner Umwelt mache. Dabei brauche ich einfach mal eine klare Ansage oder muß mir nur selbst einen Schubs geben, dann würde das doch alles gehen. Auf der anderen Seite kann man sich bei mir ja nie sicher sein, wie lange meine fixen Ideen halten. Vielleicht wird das halt nie was.

 

Das sind die beiden Szenarien, die ich scheinbar immer wieder in die Köpfe von Bekannten, Verwandten und gar manchen Freunden rein setze. Und manchmal glaube ich selbst daran. Eine Zeit lang habe ich es sogar ganz intensiv.

 

Warum stelle ich mich so an? Andere schaffen es doch auch. Warum kann ich mir nicht einfach einen Ruck geben? Ich habe doch wirklich heute nichts getan.

 

Es hat lange gebraucht, bis ich verstanden habe, was für ein B# das ist.

 

Ich habe Jahre gebraucht, um da hin zu kommen, wo ich jetzt bin. Zu erkennen, was ich kann. Dass ich etwas kann. Zu verstehen, daß mich Zeit mit Menschen zu verbringen – so gern ich sie habe -, anstrengt. Kraft kostet, die mir an anderer Stelle fehlt. Um den Schritt zu machen, daß meine Zweifel und gleichzeitig mein Wissensdurst, die mich zu immer weiteren Seminaren gebracht haben, vielleicht wirklich mich aufgehalten haben, aber mir auch viel Wissen und noch mehr Beobachtung von der Welt gebracht haben.

 

Genau, immer nur beobachten… Vor mich hinstarren. Ein Freund, der sich den Tag mit Aktivitäten draußen zupackt, hat mich gefragt, ob ich ihn besuche, weil mir langweilig ist. Ich war fast zu sprachlos, um herauszubringen, daß ich ihn sehen wollte. Ihn treffen, einfach weil. Dann kam die entwaffnende Frage:”Was machst Du denn den ganzen Tag?” Ich sitze bei ihm, kann mich nicht erinnern, was ich die letzten Tage gemacht habe und weiß nur, daß ich mich genauso wenig erinnern kann, wann ich das letzte Mal einen Tag nicht voll und das Gefühl von Hektik und Streß hatte. Aber eine Antwort finde ich nicht. Da ist nur Schmerz, Getroffen-fühlen von den Worten.

 

Meine älteste Freundin, wir kennen uns schon so lange. Wir wissen viel voneinander und auch, wenn wir zwischendurch keinen Kontakt hatten – was auch vor allem meine “Schuld” war -, für mich hat sich nichts verändert. Ich sehe sie und ihren Mann sehr gerne. Aber dennoch, jeder Kontakt kostet mich Kraft. Auch bei ihnen.

 

Und im Moment fällt es mir noch schwerer. Denn sie machen sich Sorgen um mich. Ich weiß nicht, ob die Art von “R. bräuchte mal einen guten Therapeuten, der ihn begleitet” oder “Puh, klasse, daß Du immer wieder Energie findest”. Was ich mitbekomme ist die Art von “Hör doch mal auf, Dir so Gedanken zu machen, und fang wirklich was an.”, “Du hast echt endlich nen Nebenjob?”, “(‘Ja, nur behandelt die Firma ihre Leute wie den letzten Dreck, ich kann ihnen nicht helfen, habe nur selbst Magenschmerzen allein beim Gedanken an die nächste Schicht’)Haja” und von “(Ich habe die Werbung für mich angeleiert und möchte meine Arbeit in *beschreib* die und die Richtung lenken’) M-hm *zweifelnder Blick*”.

 

Ich kann sie so gut verstehen. Nach all den Jahren müde sein mit all den Ideen und dem Zusehen, wie der große Durchbruch noch nicht mal bisher ein kleiner Start war – oder das, was man als Start und Durchbruch kennt.

 

Ich kann sie so gut verstehen. Ich habe mich jeden Tag um mich.

 

Klar, ich muß mir nicht von außen zusehen. Ich weiß, wie es ist, einem Freund etwas Gutes zu wünschen und ihn in seinen Problemen sitzen bleiben zu sehen. Ob es bei ihnen das ist, ich schätze mal, aber ich stecke nicht in ihrer Haut.

 

Dafür spüre ich den Schmerz von jedem Moment, in dem ich mich frage, warum ich gerade noch nicht in die Welt posaune, was ich kann. Warum ich mich schon wieder zu der Feier nicht getraut habe. Warum ich so viele Sachen für Andere erledige und dabei wieder keine Zeit für mein eigenes Tun übrig blieb. In jedem Moment, in dem mir klar wird, daß ich mich wieder überanstrengt habe, wieder Angst habe, wieder das Tun Anderer als wichtiger und höhere Priorität gesetzt habe als mein eigenes.

 

Daran ändern weder ein mitleidiger “Ja, klar, mal wieder..”- Blick etwas noch der gute Rat, es würde doch mal Zeit.

 

Mir ist natürlich klar, daß bei all den Blicken und Kommentaren auch mein eigener Filter mitspielt. Ich habe eine hohe Empathie, aber die eigenen negativen Gedanken über einen selbst sind nicht zu verachten. In mehrfacher Hinsicht. Vielleicht spielen sie mir ja nur einen Streich…

 

Kraft kostet es dennoch. Mut kostet es, meine Freunde dennoch zu besuchen. Ich finde, das sollte es eigentlich nicht. Aber sie sind mir zu wertvoll, um da nicht durch zu wollen. Sie meinen es ja auch nur gut…

 

Ich merke nur, welch ein Segen jene Wenigen sind, die einfach an einen glauben. Den letzten Rückschlag als passiert hinnehmen und einfach die Chance offen lassen, dass es diesmal doch anders ist. Egal, wie oft “diesmal” schon passiert ist.

 

Heute bekam ich mit, dass eine Freundin mich fragte, ob ich etwas für sie erledigen könnte. Mein Impuls war natürlich, sofort Ja zu sagen. Während ich mich im Geiste noch fragte, wie ich das irgendwie unterbringen kann diese Woche, bekam ich mit, wie eine Bekannte anbot, das zu erledigen, und die Freundin ihr erklärte, daß sie doch so viel um die Ohren habe. Hat sie. Das stimmt.

 

Und ich hab doch Zeit…