Mitschrift der Session „Unfallfrei über Behinderte schreiben“, gehalten von Mela Eckenfels

Auf dem #Litcamp16 gab es jede Menge spannende und informative Sessions. Eine davon wurde von Mela Eckenfels gehalten, Autorin, Fachjournalistin, Bloggerin. Hier eine Mitschrift ihrer Session mit anschließenden weiterführenden Links (Danke, Mela!).

Es ist immer schwierig, wenn man ‚über‘ Menschen etwas sagt. Da kommt man schnell in die Gefahr, dass man für diese Menschen spricht.

Mela kommt vom Dorf, da ist „Was mit dem Kopf zu haben“ so gar nicht sexy, und Behinderung etwas, von dem man sich eher distanziert. Sie hatte also selbst eine große Lernphase zu durchlaufen.

 

Umgekehrt gibt es die Gefahr, statt des Unsexyseins zu sehr die positiven Seiten des Behindertseins hervorzuheben, was es nicht besser macht.

 

Autismus ist seit etwa 10 Jahren verstärkt in den Medien. Dadurch ist es auch zu einem Thema geworden, in das viele Leute viel hineininterpretieren und hineinlegen.

Nach dem Amoklauf in der Sandy Hook Grundschule z.B. kam in die Medien, „der war Autist“, „Autisten sind gemeingefährlich“. Dadurch fühlte Mela sich persönlich betroffen und begann, sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten ebenfalls öffentlich zu engagieren.

 

Zitat von Alice Wong, einer Behindertenrechtsaktivistin, welche auch auf Twitter sehr präsent ist:

When artists create works about minorities with little research or attempt to understand the lived experience, they should expect questions about representation. It’s 2016, goddamnit.

 

Film „Me before you“ („Ein ganzes halbes Jahr“)

Der Film kam gerade in die Kinos. Es gab massive Proteste dagegen, die auch in die Medien kamen. Dabei handelt es sich um einen Film über einen Tetraplegier, reich, gut aussehend. Eine junge Frau wird als Assistentin, Unterhalterin angestellt. Es entwickelt sich eigentlich die klassische Liebesgeschichte. Er entscheidet sich aber, sich in der Schweiz von Dignitas „helfen“ zu lassen.

 

Wenn Behinderte in Literatur und Filmen dargestellt werden, gibt es verschiedene Kategorien:

  • Z.B. Bond-Bösewichte. Diese sind oft behindert, haben ein körperliches Merkmal. In der Steigerung davon sind sie die Antagonisten, weil sie durch ihre Behinderung frustriert sind und Hass auf die ganze Menschheit haben.
  • Superkrüppel“ Weil sie behindert sind, haben sie eine Superfähigkeit und sind ganz besonders. Das geht teilweise bis zum mythischen Überhöhen. „Von Gott berührt.“
  • Als das ewige Kind. Weil sie behindert sind, werden sie nie erwachsen, können nie für sich sorgen, man muß alle Entscheidungen für sie übernehmen. Ob das tatsächlich der Fall ist, sei dahingestellt.

Tragisches Beispiel: „Pillow Angel„. Die Eltern haben durch Klagen erreicht, ihrer Tochter Medikamente verabreichen zu dürfen, damit die Pubertät unterdrückt wird und sie nie körperlich erwachsen wird. Das Argument war, dass sie so leichter gehandlet werden kann und die Pubertät erspart bekommt …

 

Ein weiterer Auswuchs davon ist der Inspiration Porn. Stella Young, eine Comedian, wird als Sprecherin dagegen genannt. (Vgl. ihre Ansprache bei TED und einen Nachruf) Der eigentliche Sinn eines Menschen mit Behinderung beim Inspiration Porn wird angenommen als der, Andere zu inspirieren. Deshalb arbeiten einige Menschen mit Behinderung auch als Inspirationsredner, was gerne angenommen wird. „Meine Sorgen sind doch so gering gegen diese..“ – Hier wird ebenfalls keine Augenhöhe angenommen.

 

Denkmodelle, wie Behinderung gesehen wird:

  • Das Medizinische:

Dieses ist das Vorherrschende. Sein Leitgedanke ist quasi

     „Du kommst in dieses Haus nicht rein, weil DU nicht gehen kannst.“

Damit definiert es einen fiktiven Normzustand. Jeder Mensch hat irgendeine Kleinigkeit, die nicht so läuft wie bei Anderen. Daher ist es fiktiver Zustand. Die Norm soll aber erreicht werden. Dies möchte man erreichen, indem man Operationen durchführt, Orthesen herstellt, eben alles tut mit dem Ziel, möglichst irgendwie den Idealzustand künstlich herzustellen. Die Leute sollen wieder „gesund“ werden, im Sinne von die Leute können erst vollkommen „menschlich“ werden, wenn sie der Norm entsprechen.

Beispiel: In „Me before You“ ist der behinderte Mann nur ein Plotdevice für die Entwicklung der Frau. Wenn der Behinderte aber in einem Stück eine Hauptrolle spielt, dann normalerweise als derjenige, der danach ringt, die Behinderung zu überwinden und so ‚ganz Mensch‘ zu sein. Ist das nicht möglich, steht oft der Tod als einzige Alternative.

Das Medizinische Modell ist oft ein großes Problem für Kinder und Jugendliche, die mit einer Behinderung geboren werden. Sie werden nicht gefragt, wie es ihnen geht, ob die Maßnahme wirklich ihnen hilft, sie weiterbringt.

Die Parathleten haben ihre Behinderung oft erst später im Leben erworben. Denn jene, die damit geboren wurden, stecken allzu oft in der Therapietretmühle fest.

Die Last der Anpassung liegt bei jedem Behinderten einzeln. Er muß dafür sorgen, dass er sich der Gesellschaft anpasst, nicht die Gesellschaft kommt auf ihn zu.

  • Das Wohlfahrtsmodell:

„Die armen Behinderten“, „wir müssen ihnen helfen“, „sie sind arme Hascherl“.

Es wird oft von Organisationen angewendet, um Spenden zu sammeln. Daraus ergibt sich ein Bild aus „Duziduzi“-Behinderten.

  • Das Soziale Modell:

Hier ist das Bild stattdessen

„Du kommst in dieses Haus nicht rein, weil das Haus Treppen hat.“

Es sagt, Behinderung ist ein Gesellschaftliches Problem. Indem Barrieren abgebaut werden, wird Behinderten geholfen und auch anderen Leuten geholfen. Ein Gebärdensprachdolmetscher bei einer Konferenz hilft allen Gehörlosen im Raum. Ein Cochlearimplantat hilft nur einem, wenn überhaupt.

 

Zurück zum Film „Me before you“:

Ein Mensch mit Behinderung wird hier als Objekt benutzt, damit die Charakterentwicklung der Frau stattfinden kann. Er ist ein Charaktervehikel, der sterben kann, wenn er seine Schuldigkeit getan hat.

Man hätte das Ganze auch anders erzählen können. Z.B. wenn man es nicht als Tragikgeschichte geschrieben hätte, sondern als Liebesgeschichte von zwei Menschen, die sch in schwierigen Situationen treffen und diese gemeinsam durchstehen.

 

„The Incident of the Dog and the Nighttime – Supergute Tage“ ist ein Buch über einen Jungen, der seine Mutter sucht. Es stellt einen autistischen Jungen dar. Der Autor hat erst im Nachhinein zurückgezogen, dass es ein Autist sein sollte. Dennoch wird aber in vielen Schulklassen gelesen und Theatern gespielt als „Das ist Autismus“. Der Autor hat alles, was Autismus ausmachen kann, in einen Charakter gestopft.

Autoren sagen dann oft, „ich stelle ja nur eine Person dar. Kritisiert mich nicht, es kann ja eine Person geben, die so denkt und so ist, das habe ich getroffen.“ Aber die Masse dieser Fehler, dieses Stereotyps, entwickelt allzu leicht ein Massenphänomen. Es taucht kein „normaler“ Mensch mit Behinderung auf, keine Grauzone. Den Leuten wird eingeschliffen, wie „ein Autist“ ist. Gerade, wenn auch noch so extreme Entwicklungen gezeigt werden.

 

Wenn man erfährt, dass man behindert ist, durchläuft man diverse Entwicklungen. da ist auch ein großer Teil Trauer dabei, bis einem klar wird, das ist nun so, damit muss ich leben, ich muss mich jetzt umorientieren. Da ist viel Trauerverarbeitung dabei.

Wenn in dieser Zeit der Person vor Augen gehalten wird „Du bist nicht richtig“, „Du bist eine Last für die Anderen“, wird das mit der Zeit auch leicht wahr.

In dem Prozess, wo man sein eigenes Thema mit sich selbst bearbeitet, wird dauernd von außen noch reingetreten.

Die psychische Gesundheit ist in dem Moment ohnehin schon geschwächt.  Wenn man immer wieder aus der Umgebung diese Signale bekommt und kein alternatives Gedanken, Denkmodell, wie soll man dann feststellen „Eigentlich ist mein Leben gar nicht so schlecht“.

Laut einer Studie schätzen fast 90% aller Tetraplegier (86%) ihre Lebensqualität als hoch ein. Etwa die gleiche Zahl des Personals aus der medizinischen Notfallversorgung schätzt, sie wären in der gleichen Situation lieber tot als lebendig.

 

Anders die Darstellung im Computerspiel „To the moon“: Ein Nebencharakter ist Autistin, wird im Erwachsenenalter diagnostiziert. Es bleibt eine Nebensache. Ihr Autismus beeinflusst die Story schon, aber ist so eine Nebensache, dass er nicht dominiert. Es geht um einen anderen Charakter. Sehr schön umgesetzt. (Vorwarnung von ihr nebenbei: Der Schluss ist herzzerreissend. Aber schön.)

 

Was häufig fehlt sind „ganz normale“ behinderte Menschen in irgendeiner Rolle. Wo die Behinderung zwar präsent ist, aber die Geschichte nicht davon bestimmt wird.

Man kann z.B. auch eine Geschichte wie „Me before you“ verfassen, indem es um die Geschichte zweier Menschen geht, die ihre Situationen miteinander durchleben.  Auf gleicher Augenhöhe, nicht Einer „normaler“ als der Andere.

Was außerdem bei „Me before you“ falsch gemacht wurde: Die Autoren haben nicht wirklich recherchiert. Jojo Moyes sagt selbst, sie habe mit keinem Menschen gesprochen, der wirklich Tetraplegier ist. Obwohl sie selbst einen gehörlosen Sohn hat. Sie hat nur ein Bild von außen.

Auch Mark Haddon (S.o., „The Incident of…“) hat nur darüber gelesen, sich aber nie damit auseinandergesetzt.

Als Autor muß ich meine Hausaufgaben machen; mit Menschen, die die Behinderung, welche ich beschreiben möchte, wirklich reden, sie kennenlernen, und nicht nur einen. Ich muß mich auch damit beschäftigen, in welcher Phase der Entwicklung befindet er sich. Ist er noch voll im medizinschischen Bild, das uns alle beeinflusst, oder hat er sich schon davon gelöst? Trauert er noch? Hat er schon eine neue Perspektive, eine neue Haltung gefunden? Ich muß mich mit jemandem, der von Geburt an behindert ist, und mit jemandem, der es später wurde, unterhalten.

Zum Beispiel ist Letzteres auch ein sehr komplexes Thema bei Gehörlosen. Wenn ich nur mit einem spreche, dann habe ich nur einen ganzganz schmalen Einblick in dessen Sicht und in dessen Behinderung. Dann kommt auch nur ein ganz schmales Bild dabei raus.

 

Einwurf eines Teilnehmers: Das Wissen über die Behinderung von jemandem ändert direkt etwas in der Sichtweise desjenigen.

 

Der Autor muß sich auch damit beschäftigen „Welche Sicht auf Behinderung habe ich„, „Was würde es für mich bedeuten?, „Angenommen, ich hätte morgen einen Unfall…“, „Hätte ich die Ansicht, ich bin meiner Umgebung eine Last?“, „Würde ich auch dann noch der Ansicht sein „Ich bin ein Mensch, ich habe Bedürfnisse, Rechte, ein Recht auf Leben?“

Tut ein Behinderter etwas Falsches, wird die Behinderung in den Vordergrund gestellt. Nicht, was er getan hat.

Außerdem wird erlebt, „da ist ein Behinderter, der etwas getan hat“ und das wird auf die Gruppe umgelegt. Ähnlich wie bei Ausländern zur Zeit.

‚Ich kann auch über einen Behinderten schreiben, der ein Arschloch ist. Es sollte nur nicht der Einzige sein im Buch. Da wird wieder ein stereotypes Bild dargestellt.‘

Eine Behinderung selbst macht jemanden nicht zum Arschloch und nicht zum Engel, die meisten Behinderungen haben keinen direkten Einfluss auf die Psyche. Alle Stereotype haben Entsprechungen in der Realität, aber wenn sie allein dargestellt werden, prägt es das Bild in der Masse.

 

Viele Autoren vernachlässigen den Charakter einer Figur, weil die Behinderung in den Vordergrund tritt.

Es gibt eine Schreibübung: Du arbeitest Deine Charaktere aus für eine Kurzgeschichte. Dann veränderst Du das Geschlecht. Gleich hast Du Charaktere, die nicht mehr dem Stereotyp entsprechen. das Gleiche kann man natürlich auch mit Menschen mit Behinderung machen.

Bei Deep Space Nine gibt es eine Folge von einer jungen Frau, die auf einer Welt mit sehr niedrigen Schwerkraft geboren ist. Sie bekommt Orthesen, um aufrecht stehen zu können. Sie entscheidet sich bewusst gegen eine Behandlung, die ihre Muskeln und Knochen dauerhaft an eine höhere Schwerkraft anpasst, um wieder nach Hause gehen zu können. – So kann es eben auch funktionieren.

 

  • Notizen von Mela Eckenfels selbst auf Dropbox

Weitere nützliche Links von Mela selbst:

  • Diversity Cross Check (Tumblr, auf dem man nach Angehörigen von Minderheiten recherchieren kann, die sich bereit erklären Fragen zu beantworten.)
  • Leidmedien – Ein Projekt das Bewusstsein für die Darstellung von Behinderung in den Medien schaffen will.

Ebenfalls direkt von Mela:

Zum Schluß ein aktuelles Negativbeispiel aus der Süddeutschen Zeitung vom 15.06.2016. Im Artikel geht es um den Tod des kleinwüchsigen Darstellers Michu Meszaros (bekannt vor allem aus der TV-Serie Alf).

Kleinwüchsige begeistern schon deshalb, weil von ihnen ein märchenhafter Zauber ausgeht. Weil sie wie Erwachsene wirken, die man in Kinderkörper gesteckt hat. Weil sie sich ähnlich komisch bewegen wie die schlaksigen Riesen Stan Laurel oder Jacques Tati. Weil ihre Stimmen piepsen, als hätten sie Helium eingeatmet

Der Autor Martin Zips hat es geschafft, hier gleich zwei der oben vorgestellten Stereotype unterzubringen (mythisch überhöht und das ewige Kind). Auf Kritik mehrere kleinwüchsiger Menschen reagierte der Autor mit folgendem Zitat „Weil ich überzeugt davon bin, dass wir alle ein bisschen mehr lachen sollten.“ Er scheint diese Darstellung also lustig zu finden.

 

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Mitschrift Schreiben ueber Behinderte von Mela Eckenfels.

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  • Markierungen 06/16/2016 – Snippets on

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  • Literaturcamp 2016 im Dezernat 16 in Heidelberg – Benjamin Spang on

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