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Manchmal betrogen

 
Ich fühle mich betrogen.
 
Ich weiß, es ist Unsinn.
 
Aber… ja, ich fühle mich betrogen.
 
Um die Zeit. Um Erinnerungen. Um mögliche Erlebnisse.

Um Gespräche. Geschichten von ihrem Leben.
 
Was hätte ich alles gesagt, was hätte ich gefragt? Wie oft hätte ich sie umarmt?
 
Mich mit ihr ausgesprochen. Sie nach früher gefragt. Nach ihrer Kindheit. Ihren Erlebnissen. Nach Omi und meinem Opa. Wie ihre Geschwister früher waren. Wie alles früher war. Wie sie früher war.
 
Vielleicht wäre ich mit ihr Fotos durchgegangen. Oder hätte Dinge gefragt. Nach mir. Nach der Zeit vor mir.

Vielleicht hätte ich einfach die Zeit mit ihr mehr zu schätzen gewusst. Mehr zu würdigen. Mehr mit ihr verbracht.
 
Vielleicht.
 
Ich weiß es nicht.
 
Meine Mutter hat am Mittwoch Geburtstag. Den dieses Lebens.
 
Im März ist sie seit zwei Jahren tot.
 
Ich vermisse sie.
 
Natürlich, ich weiß, sie ist bei mir. Immer mal wieder. Ich kenne den Kontakt und ich weiß, sie ist nur gegangen, nicht fort. Es tut gut.
 
Aber da sind die Zeiten, wenn ich den physischen Klang ihrer Stimme vermisse. Wenn ich denk,e das hätten wir doch in ihrem Leben haben können. Ihr Leben hätte doch anders sein können.
 
Wenn ich denke, wie hätte ich mich verhalten. Hätte ich nicht doch etwas anders machen können?
 
Wenn ich sie einfach in den Arm nehmen und spüren will. Physisch. Sie noch einmal drücken.
 
Als ich sie das letzte Mal besuchte, habe ich sie mit dem Besuch überrascht. Sie hat sich wohl riesig gefreut darüber. Das erzählten mir ihre Geschwister und Freundinnen. Und doch denke ich, hätte ich nicht noch ein paar Tage länger bleiben können?
 
Als ich ging, umarmte ich sie wie immer. Ich glaube, ich drückte sie einen Moment länger. Vielleicht ist es Wunschdenken. Ich bin mir nicht sicher. Ich weiß aber noch so gut, daß ich nach etwa drei Metern irgendwie den Impuls hatte, umzudrehen, wieder hin zu gehen und sie noch einmal zu umarmen. Ich glaube, ich habe ihr nochmal gewunken. Aber ich bin nicht nochmal hin. Mein Verstand sprang ein, redete mir ein, dass das meine Probleme mit Loslassen und Verlustangst mal wieder seien, ich solle doch nicht so anhänglich sein, in meinem Alter und überhaupt. Ich ging. Winkte noch einmal.
 
Und fuhr.
 
Ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich wünschte, es anders gemacht zu haben.
 
 

Und dann… fühle ich mich manchmal betrogen.
 
Ich dachte, wir hätten noch Zeit.
 

 
Was für ein Satz.
 
Was für ein blöder Satz.
 
 

Klar: Jeder weiß doch, daß jeder Mensch irgendwann einmal stirbt. Das ist natürlich. Das passiert jeden Tag.
 
Aber zu den Zeiten fühlt es sich an, als hätte ich es nicht gewusst. Da kam es immer noch überraschend. Unerwartet. Unerahnt. Als hätte man sie mir weg gerissen und ich stehe da und finde erst jetzt die Nachricht.
 
Dann kommen die Hätte-s und Vielleicht-s. Die Logik. Die Erinnerung, die mich rügt, ja, es hätte mir doch klar sein müssen.
 
Wir leben jeden Tag mit dem Tod und doch hat er aufgehört, Teil unseres Lebens zu sein. Wir haben ihn an den Rand geschoben und meiden nicht nur ihn, sondern verlieren damit auch Zeit mit anderen Dingen, anstatt den Augenblick auszukosten, den wir mit den Menschen um uns haben.
 
 
Wenn ihr euch fragt, warum ich diese Arbeit mache, hier habt ihr eine der Antworten. Ich will helfen, daß ihr keinen Moment verpasst.

Published inAnders-SichtThema Tod

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