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Ausflug zu einem Meer von Felsen

Es gibt mehrere Orte in Deutschland, die sogenannte Felsenmeere beherbergen. Von jenem im Odenwald heißt es, dass sich zwei Riesen bei einem Streit mit Felsen beworfen hätten. Der Unterlegene läge noch immer hier, von diesen begraben. Am Fuße des Meeres offenbart sich außerdem die Siegfriedsquelle.

Mit einem Freund zusammen besuchte ich diesen Ort. Eigentlich wollte ich ihn ihm vor allem zeigen und etwas für meine Fitness tun, außerdem für einen späteren Besuch erste neuere Eindrücke sammeln. Er war direkt begeistert und lehnte die Alternative, den Wanderweg entlang des Felsenstroms zu nehmen, rundheraus ab. So begannen wir, die Felsen hochzuklettern…

Es ist ein besonderes Gefühl, diese Steine Stück für Stück immer höher zu erklimmen. Wären nicht die schöne Umgebung und besonderen Formen, welche immer wieder die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, hätte es wohl etwas noch Meditativeres, sich von Stein zu Stein zu Stein zu bewegen. Einen nach dem Anderen, dann wieder auf das nächste Ziel ausrichten, den Weg abchecken, weiter – und immer mal wieder feststellen, dass es nicht möglich ist, von einer Position aus alle möglichen Abgründe, Klüfte und Höhen im Voraus genau zu erkennen. Dafür führt einen der Weg auch immer mal wieder zu unerwartet leichterem Grund, auf dem das Vorankommen schnell und einfach geschieht. Die Holzbrücke nach einiger Zeit, von der aus ich nur ein paar Fotos machen will, fühlt sich dann überraschend nachgiebig an. Mit der Zeit gewöhnt man sich wohl an den festen, eben unnachgiebigen Boden, der einen unauffällig sicher trägt, selbst wenn er zwischendurch steil und waghalsig erscheint.

Natürlich ist da noch anderes als diese philosophischen Erkenntnisse, während ich mich eigentlich vielleicht mehr auf das Klettern konzentrieren sollte.

Immer wieder spüre ich die Felsen unter mir in besonderer Weise. Ihre Ausmaße, ihr Da-Sein. Ihre Festigkeit unter meinen Füßen. Wenn mir der Abstand zu weit erscheint, ein Spalt zu tief, wenn ich überlege, EFT anzuwenden, um überhaupt weiter zu gehen; und dann merke, welche Energie da unter meinen Füßen ist. Welche Stärke, welch fester Boden, bereit – und ja schon dabei – mich zu tragen. Merke, dass es meine Unverbundenheit nur ist, mein im-Kopf-sein und meine ganzen Was-wäre-wenns statt schlicht in dem Moment zu sein, mich zu spüren und was um mich, bei mir ist.

Als wir auf einem Felsen Pause machen, erforsche ich das Gefühl weiter. Wir sind auf einem Berg, natürlich, doch was direkt fühlbar ist, sind die Steine um uns herum. Auf einem Berg fühle ich normalerweise das gewaltige Massiv unter mir. Nicht so hier. Hier sind es Steine, ist es spannenderweise gefühlt mehr die tatsächliche Personifikation des Begriffs „Stein“.

Wir klettern weiter. Sind auf unterschiedlichen ‚Wegen‘ unterwegs. Vor einem Spalt stoppe ich erneut ab. Er geht nicht einmal tief nach unten weiter, dafür schräg hinein. Mehrere Steine haben sich hier zu einer Art breiteren Kluft, fast einer kleinen Höhle zusammengeschichtet. Ich kann zwar problemlos das direkte Ende sehen, doch gehen die Verzweigungen hier nach rechts und links spürbar noch weiter. Das ist eigentlich an mehreren Stellen der Fall, doch nirgends fühlte es sich an wie hier. Denn hier schlägt mir eine wilde, ursprüngliche Energie entgegen, vor meinem inneren Auge zeichnet sich unwillkürlich das Bild eines Lindwurms ab.

Ich warte einen Moment, überlege kurz. Er verteidigt sein Revier, verständlich. Es hatte eine gewisse Aggressivität, doch habe ich ja nicht vor, in die Spalte zu klettern. So entscheide ich mich zu einem denkbar einfachen Versuch. Ich deute mit einer Geste den Weg an, den ich nehmen möchte, erkläre es auch: an ihm und seiner Höhle vorbei, weiter hinauf. Offenbar vertraut er meinem Wort genug, dass ich beobachtet, doch unbehelligt eben diesen Weg dann auch fortsetzen kann.

Auf einem großen flachen Felsen machen wir unsere Pause nach einem langen Aufstieg und teilen das Gefühl des Elements. Genießen die Ruhe des Ortes, obwohl die Landstraße zu uns herüber hallt. An der Seite zeichnet sich ein Eulengeist ab. Eichhörnchen huschen durch die Gegend. In der Nähe sprudelt die Quelle, welche unter dem Meer entlang rauscht.

Auf dem Rückweg nehmen wir einen Weg durch den Wald. Steine liegen bei einander, eine glatte Fläche, rechts und links daneben die Armlehnen für den Thron.

Wer hier wohl Hof hält…?